Newton Teleskop – Einfache Justage mit dem OCAL Pro

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Mit der innovativen Kollimationshilfe OCAL Pro lassen sich Teleskope im Handumdrehen justieren und zwar sowohl für die visuelle Beobachtung als auch für die Astrofotografie. Was das OCAL Pro noch so besonders macht und wie man damit Teleskope auf einfache Weise kollimieren kann, zeigen wir in diesem Artikel. Das passende Video dazu gibt es hier.

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OCAL Pro an einem Skywatcher 200 PDS

Wer sich für ein Newton Teleskop interessiert oder bereits ein Gerät besitzt, wird früher oder später über das Thema „Newton Teleskop Justage“ stolpern. Dabei tun sich vor allem Anfänger sehr schwer. Glücklicherweise überprüfen die meisten Händler die angebotenen Teleskope vor der Auslieferung, aber auch während dem Transport kann eine Kollimation (Justage) zunichtegemacht werden. Zwar gibt es reichlich Tutorials zu dem Thema, aber kaum eines davon deckt die vollständige Justage eines Newton Teleskops ab. Viele davon beschränken sich entweder auf die Justage für visuelle Beobachtungen oder sind lückenhaft. Deshalb haben wir zu dem Thema eine eigene Anleitung verfasst, die nach und nach erweitert und überarbeitet wird. Darin beschreiben wir detailliert mehrere Vorgehensweisen für die Kollimation eines Newton Teleskops. Zu den beliebtesten Kollimationshilfen zählen das Concenter und der Justierlaser. Das Concenter ist zwar genauer, aber nicht immer zu 100% exakt. Der Justierlaser arbeitet dagegen wesentlich genauer, kann aber beim Klemmen verkippen und eine Dejustage vortäuschen.

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Spheretec Concenter (2″)

Mit dem OCAL Pro gestaltet sich die Justage eines Newton Teleskops wesentlich einfacher. Wer z.B. Deep Sky Fotografie betreibt, kann es sogar mit einem Komakorrektor verwenden, um eine möglichst genaue Kollimation zu erreichen. Wer allerdings weiteres Zubehör wie einen ADC oder eine Barlowlinse einsetzt, sollte nicht den Fehler machen und die Kollimation damit durchführen. Eine Newton Justage sollte stets ohne ADC, Barlow oder Filterrad durchgeführt werden. Lediglich der Komakorrektor ist zulässig. Der Grund dafür ist recht simpel. Das Einstellen des ADCs führt zu einem Wandern des Objekts aus der Bildfeldmitte. Durch das Schwenken des Teleskops wird das Objekt wieder in die Bildfeldmitte zurückgeholt. Dieser Vorgang beeinträchtigt aber nicht den Justierzustand des Teleskops. Die Justage mit dem ADC wäre zwar machbar, in dem die Prismen in Nullstellung gebracht werden, aber aufgrund möglicher Ungenauigkeiten ist das nicht sinnvoll.

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ADC an einem Newton Teleskop in Nullstellung.

Nun gibt es aber noch einen weiteren Faktor, der die Justage beeinflussen könnte: Das Verkippen. Schweres Zubehör wie eine Barlowlinse, ein ADC oder ein Filterrad können zu einer minimalen Verkippung führen. Darüber hinaus sind die Toleranzen der einzelnen Verbindungsstücke wie Steckhülsen oft grenzwertig. Wäre es da nicht sinnvoll, samt Zubehör zu kollimieren? Jaein! Bei der Justage geht es in erster Linie darum, die beiden optischen Elemente Hauptspiegel und Fangspiegel aufeinander auszurichten. Dabei muss der FS die Achse des OAZ genau in das Zentrum des HS umlenken. Oder einfacher gesagt: Die optische Achse des HS muss genau mit der Achse des OAZ zusammenfallen.

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Reflektor – Darstellung des Strahlenverkaufs

Für Deep Sky Fotografie macht es daher Sinn, bei der Justage mit dem OCAL oder einem Justierlaser das Gewicht des Zubehörs zu simulieren und am OAZ einzuhängen. Denn nur so wird eine vollständige Ausleuchtung des Kamerasensors gewährleistet. Bei der Planetenfotografie ist das etwas anders. Hier reicht es aus, das Newton Teleskop nur mit dem OCAL oder einem Justierlaser zu justieren. Denn bei einer möglichen Verkippung wären die Planeten im Verhältnis zum Kamerasensor dermaßen klein, dass das absolut nicht auffallen würde. Nach der Grobjustage kann selbstverständlich auch noch die Feinjustage am Stern erfolgen. Hier kann das vollständige Zubehör am OAZ angeschlossen werden.

Unboxing

Das OCAL Pro sieht auf den ersten Blick wie eine handelsübliche Astrokamera aus. Die Kollimationshilfe kann aber wesentlich mehr. Aber schauen wir uns zunächst einmal an, was im Lieferumfang enthalten ist. Bei der OCAL Pro Version wird neben der Kollimationshilfe zusätzlich ein Adapter M42 auf M48, ein Adapter M42 auf 1,25“ Steckhülse, ein USB-Kabel sowie ein OTG Adapter für Android mitgeliefert. Die Kamera selbst verfügt über ein M42 Innengewinde mit verschraubbarem Schutzdeckel. Auf der Rückseite befindet sich neben der USB-Schnittstelle auch eine Seriennummer. Anhand dieser Seriennummer kann der entsprechende Center-Kalibrierungscode in die Software eingefügt werden. Damit wird gewährleistet, dass die Kreise für die Justierung auch schön mittig erscheinen. Seitlich befindet sich noch ein Siegel von Noctutec, damit sich der Hersteller von nicht genehmigten Importeuren schützt.  

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OCAL PRO – Packungsinhalt

Inbetriebnahme

Um sein Newton Teleskop mit dem OCAL Pro zu justieren, geht man wie folgt vor. Zunächst einmal installieren wir die Herstellersoftware. Unter Umständen funktioniert das Ganze nur, wenn die Installation und/oder Ausführung als Administrator ausgeführt wird. Anschließend wird die Liste der Codes auf der OCAL-Webseite aufgerufen und anhand der aufgedruckten Seriennummer auf der Rückseite der Kamera der entsprechende Center-Kalibrierungscode herausgesucht. Dieser Code muss kopiert und in die focus.txt im Order C:\Users\admin\Desktop\OCAL Electronic Collimator for PC1.3\OCAL Electronic Collimator for PC (abhängig von der installierten Softwareversion) eingetragen werden. Danach kann die Kamera via USB angeschlossen und mittels Software gestartet werden.

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OCAL Pro – Liste für Center-Kalibrierungscode

Der OCAL Pro Kollimator kann entweder direkt am Okularauszug mittels 1,25“ Steckhülse oder über den mitgelieferten M48 Adapter z.B. mit einem Komakorrektor genutzt werden. Bei Korrektoren ist zu berücksichtigen, dass einige von ihnen zu einer gewissen Unschärfe der Abbildung führen können. Eventuell muss der Arbeitsabstand auf dem Korrektor angepasst werden. Wer sich hierbei nicht sicher ist, sollte ohne Korrektor justieren.

Bei der Newton Kollimation sollte das Teleskop in eine 45-50° Position geschwenkt werden. Das hat zunächst nichts mit der Verkippung des Okularauszugs durch schweres Equipment, sondern vielmehr mit den beweglichen Teilen wie dem Hauptspiegel zutun, da dieser in der Spiegelzelle lediglich gegen das Herausfallen gesichert ist. Ein weiterer kritischer Faktor ist die Wandstärke des Tubus. Die günstigen Standard-Tuben haben Wandstärken von 1,5-2mm. Hochwertige Carbontuben sind mit Wandstärken von 3-4mm und mehr wesentlich formstabiler. 

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Newton Kollimation in entsprechender Position

Meine Teleskope sind für den visuellen- und fotografischen Einsatz nach Osten oder Süden ausgerichtet. Daher bringe ich die Geräte bei der Kollimation in eine Position zwischen Osten und Süden und justiere nachts am Stern nach. Der Einfachheit halber kann das Teleskop aber auch horizontal oder vertikal aufgestellt werden, um sich zunächst mit dem OCAL System vertraut zu machen.

Kollimation mit dem OCAL / OCAL Pro

In der OCAL Software gibt es verschiedene Einstellmöglichkeiten. Ziel ist es, HS, FS und OAZ so zueinander auszurichten, dass die Objektivlinse des OCAL zentrisch zu allen Spiegeln im System ist. Der entscheidene Parameter dafür ist der „Center Offset“. Die Feineinstellung der Mittelpunktposition ist wichtig, denn durch Herstellungstoleranzen von Adaptern kann das Fadenkreuz des OCAL Tools nicht perfekt in der geometrischen Mitte des Bildes stehen. Das Einstellen erfolgt durch Orientierung an einem Fixpunkt im Teleskop.

Hinweis: Es gibt bereits einige Tutorials zum OCAL/OCAL Pro mit unterschiedlichen Vorgehensweisen. Während die einen das Fadenkreuz an der OAZ Öffnung (Fangspiegelseitig) ausrichten, orientieren sich die anderen zunächst am Hauptspiegelrand. Ersteres führt unter Umständen zu einer falschen Kollimation, da je nach Fertigungstoleranzen nicht alle OAZ-Rohre sauber gefertigt sind.

Wie untenstehendes Bild zeigt, ist der HS im aktuellen Justierzustand nicht mittig. Dafür gibt es üblicherweise zwei Gründe: Entweder weil die HS Schrauben zu fest angezogen sind und der Spiegel nicht sauber ausgerichtet ist oder aber weil der Fangspiegel etwas verdreht montiert ist. In unserem Fall liegt es an einem verdrehten Fangspiegel, den wir im Handumdrehen durch die Mittelschraube korrigieren.

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Dejustierter Newton

Wir gehen bei unserer Justage wie folgt vor:

  • HS-Schrauben komplett anziehen, um die Druckfedern voll zu spannen und ausreichend Spielraum für die Justage zu gewährleisten
  • Zentrierung mithilfe der Außenkante eines Komakorrektors durchgeführen (Alternativ eignet sich auch der Rand des HS sehr gut als Bezugspunkt für die Zentrierung). Für eine Grobjustage ist notfalls auch das OAZ Rohr zulässig.
  • grüner Kreis unter dem Button „Circle 1 Settings“ auf den Rand des HS, auf den Rand des Komakorrektors oder auf die OAZ-Rohr-Austrittskante legen. Gegebenenfalls ein Häkchen auf „Center Offset“ setzen und den Offset mit den Schiebereglern in vertikaler und horizontaler Richtung einzustellen. 
    Hinweis: Wenn die drei Stellschrauben des HS voll gespannt sind, kann es unter Umständen passieren, dass der HS bzw. dessen Rand nicht komplett zu sehen ist. Daher wäre es unter Umständen sinnvoller, sich zunächst am Auszugsrohr oder einem Komakorrektor zu orientieren.
  • Nun können weitere Kreise hinzugeschaltet werden
  • FS so drehen, dass dieser einigermaßen rund erscheint (Fokus auf den Fangspiegel)
  • Mit den drei FS-Schrauben den FS so einstellen, dass der HS wieder schön mittig im grünen Kreis erscheint (dazu wieder auf den HS fokussieren)
  • einen dritten Kreis hinzuschalten und den Kamerasensor und die HS Mittenmarkierung zur Deckung bringen.
  • Schritte mehrmals wiederholen.
  • Wenn alles schön mittig erscheint, der Fangspiegel selbst aber nicht mittig auf dem Kreis liegt, dann sollte der FS leicht gedreht werden, damit der Fangspiegel anschließend mittels der drei Einstellschrauben in entgegengesetzter Richtung gekippt werden kann. Meistens liegt es nämlich daran, dass der FS in eine Richtung mehr gekippt ist und durch die Drehung und Kippung exakter ausgerichtet werden kann.
  • Mit jedem Durchgang verbessert sich die Justage.

Um zu prüfen, ob der Offset auch tatsächlich stimmt, könnte man nun dahergehen und das OCAL Pro um 360° rotieren. Der grüne Kreis müsste auch weiterhin auf dem Rand des HS liegen. Ist das nicht der Fall, stimmen möglicherweise die Offsetwerte nicht. Diese Gegenprobe kann in manchen Fällen die Justage auch zunichtmachen. Insbesondere bei verschraubten Systemen macht das deshalb auch wenig Sinn. In unserem Fall verändert sich der Center Offset von 1/2 auf 2/-2. Warum ist das plötzlich? Ist die Orientierung an der Kante des Komakorrektors eventuell doch falsch? Das könnte durch eine ungenaue Fertigung möglich sein. Andererseits könnte durch die 360° Drehung auch die Toleranz der Steckhülse Einfluss darauf haben.

Wer sich also am HS oder dem OAZ-Rohr orientiert, sollte stehts den OCAL mit dem Sensor so positionieren, wie auch die Kamera später angeschlossen wird. Wer allerdings seine Kamera nachts auch mal rotieren möchte, sollte die Methode wählen, bei der die Kamera nach der Kollimation um 360° rotiert wird und anschließend das Center Offset so anpassen, dass die Kollimation stets bestehen bleibt!

Grundsätzlich erhalten wir mit beiden Methoden trotz abweichender Center Offset Parameter am Ende eine extrem genaue Justage. Der Justierlaser bestätigt nach jeder Kollimation mit dem OCAL Pro eine exakte Justage. 

AusrichtungRing1anOAZOeffnungFalsch_besserOCALDrehenundsoOffsetberechnen_
Newton Kollimation mit dem OCAL Pro

 

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